Neue Sachverständigengutachten, Faserspuren, Handydaten, Schuhabdrücke und abgehörte Telefonate prägen die Verhandlungstage 6 bis 9 im Mordprozess um den getöteten Fabian aus Güstrow. Der Bericht fasst die wichtigsten Entwicklungen und Erkenntnisse chronologisch zusammen.
Verhandlungstage 6 bis 9 im Mordfall Fabian – Faserspuren, Handydaten und Telefonmitschnitte rücken in den Fokus
6. Prozesstag: Reiterin fotografiert Rauch am späteren Fundort
Am 27. Mai 2026 rückte eine Zeugin in den Mittelpunkt, die sich am Tattag unweit des späteren Leichenfundorts aufgehalten hatte.
Die 45-jährige Reiterin berichtete, am Nachmittag des 10. Oktober 2025 mit ihren Pferden nahe des Tümpels bei Klein Upahl unterwegs gewesen zu sein. Dort bemerkte sie Rauchschwaden und ein kleines Feuer. Da ihr die Situation ungewöhnlich erschien, fertigte sie mit ihrem Smartphone drei Fotos an.
Die später ausgewerteten Metadaten belegten, dass die Aufnahmen gegen 15.00 Uhr entstanden waren.
Während ihrer Aussage wurde der Zeugin offenbar bewusst, welche Bedeutung ihre Fotos für die Ermittlungen haben könnten. Im Gerichtssaal brach sie in Tränen aus und musste sich mehrfach sammeln. Die Bilder gelten als besonders belastend, weil die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass Fabian zu diesem Zeitpunkt bereits getötet worden war und sein Leichnam am Tümpel mit Brandbeschleuniger angezündet wurde.
Eine Zeugin dokumentierte ein Feuer am Fundort, das am Tag von Fabians Verschwinden entdeckt wurde. (Bildquelle: Polizeipräsidium Rostock)
7. Prozesstag: Faserspuren verdichten die Indizienkette
Am 28. Mai 2026 stand die kriminaltechnische Auswertung von Faserspuren im Mittelpunkt.
Ein Textilsachverständiger präsentierte mehrere Spurenfunde, die aus Sicht der Ermittler eine enge Verbindung zwischen Opfer, Tatort und Angeklagter herstellen.
Besonders belastend ist eine winzige lila-blaue Baumwollfaser, die unter dem rechten Daumennagel des getöteten Fabian gesichert wurde. Nach Angaben des Gutachters stimmt sie material- und farbtechnisch mit einem Pullover überein, den Gina H. am Tattag getragen haben soll.
Die Ermittler sehen darin ein mögliches Indiz für einen direkten körperlichen Kontakt kurz vor dem Tod des Jungen.
Hinzu kommt eine weitere Faser, die an einem teilweise verbrannten Ärmel von Fabians Kleidung gefunden wurde. Nach Einschätzung des Gutachters stammt sie von einer Reithose. Im Gericht wurde ein Foto gezeigt, das Gina H. am Tag des Verschwindens in entsprechender Reitbekleidung zeigt.
Die Polizei sucht Zeugen, die den orangefarbenen Ford Ranger im Mordfall des achtjährigen Fabian gesehen haben. (Bildquelle: Polizeipräsidium Rostock)
Ein weiterer Fund betrifft den orangefarbenen Ford Ranger der Angeklagten. Auf der Rücksitzbank wurden Fasern entdeckt, die eindeutig einem Pullover von Fabian zugeordnet werden konnten. Brisant dabei: Der Junge hatte dieses Kleidungsstück erst erhalten, nachdem der regelmäßige Kontakt zwischen ihm und Gina H. bereits beendet gewesen sein soll.
Für die Staatsanwaltschaft stützt dies die These, dass Fabian kurz vor seinem Tod im Fahrzeug der Angeklagten transportiert wurde.
Handydaten werfen neue Fragen auf
Ebenfalls am siebten Verhandlungstag wurden weitere Ergebnisse der digitalen Forensik vorgestellt.
Die Auswertung von Funkzellendaten verortet Gina H. nach Angaben der Ermittler im Bereich des späteren Fundortes. Besonders auffällig sei, dass ihr Smartphone in einem entscheidenden Zeitfenster von rund zwei Stunden vollständig ausgeschaltet war.
Für die Ermittler stellt dies eine erhebliche Lücke im Bewegungsprofil dar.
Die Karte zeigt den Fundort des ermordeten Jungen Fabian bei Klein Upahl, der im Mordprozess gegen Gina H. eine zentrale Rolle spielt. (Bildquelle: Polizeipräsidium Rostock)
Zudem beschäftigte sich das Gericht mit fehlenden Fahrzeugdaten des Ford Ranger. Ein IT-Sachverständiger erklärte, dass Sensordaten für einen Zeitraum von rund sechs Wochen bis zum Auffinden der Leiche vollständig fehlen.
Eine gezielte Löschung sei technisch möglich, jedoch sehr aufwendig. Der Gutachter hielt deshalb einen Systemfehler für die wahrscheinlichere Erklärung.
8. Prozesstag: Erste Zweifel nach der „zufälligen“ Leichenentdeckung
Am 2. Juni 2026 standen die Ermittlungen rund um den Leichenfund im Fokus.
Bereits zu Beginn kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen Verteidigung und Gericht. Verteidiger Thomas Löcker wollte eine mehrseitige Erklärung zu den fehlenden Fahrzeugdaten verlesen. Darin vertrat er die These, ein unbekannter Dritter könne die Daten gelöscht haben, um Gina H. gezielt zu belasten.
Richter Holger Schütt unterband dies jedoch und verwies entsprechende Argumente auf die spätere Schlussphase des Verfahrens.
Anschließend sagte der Polizeibeamte aus, der nach der angeblich zufälligen Entdeckung der Leiche als erster am Fundort eingetroffen war.
Er schilderte Gina H. als aufgeregt, aber auffallend wenig erschüttert. Besonders in Erinnerung geblieben sei ihm eine Bemerkung der Angeklagten noch vor Beginn der Spurensicherung.
Demnach habe sie ihn ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sich im Unterholz möglicherweise ihre eigenen Fußspuren befinden könnten.
Diese Aussage ließ die Ermittler später aufhorchen, da sie aus ihrer Sicht ungewöhnlich vorausschauend wirkte.
Am Tümpel, wo Fabians Leiche abgelegt und verbrannt werden sollte, wird im Mordprozess gegen Gina H. verhandelt. (Bildquelle: Polizeipräsidium Rostock)
Schuhspuren und belastende Tatortbilder
Im weiteren Verlauf präsentierten Sachverständige ihre Untersuchungen zu den am Tatort gesicherten Schuhspuren.
Dabei wurden Abdrücke der Marke „Pammy“ dokumentiert. Die Ermittler stellten fest, dass Gina H. mehrere Schuhe dieser Marke besitzt. Auf den Tatortfotos seien zudem rosafarbene Details erkennbar, die zu einem ihrer Schuhpaare passen könnten.
Allerdings wurde die Spur auf der kriminaltechnischen Bewertungsskala lediglich mit Stufe 4 eingestuft. Eine eindeutige Zuordnung war daher nicht möglich.
Zusätzlich fanden Ermittler Stiefelabdrücke der Marke Covalliero, die ebenfalls zu Schuhen aus dem Besitz der Angeklagten passen könnten.
Für große Betroffenheit sorgten schließlich die im Gericht gezeigten Tatortbilder sowie eine digitale 3D-Rekonstruktion des Fundorts. Die Aufnahmen zeigten den fast vollständig verbrannten Körper des Jungen.
Fabians Mutter blieb diesem Verhandlungstag fern, um die Bilder nicht sehen zu müssen. Gina H. selbst zeigte nach Beobachtung der Prozessbeteiligten kaum erkennbare Reaktionen und wandte lediglich zeitweise den Blick ab oder verbarg ihr Gesicht in den Händen.
Am Landgericht Rostock findet derzeit der Prozess gegen die Tatverdächtige Gina H. statt. (Bildquelle: Von MyRobotron - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42785324)
9. Prozesstag: Obduktionsbericht offenbart tödliche Gewalt
Am 4. Juni 2026 wurde der bislang wohl belastendste Verhandlungstag durchgeführt.
Zu Beginn entschied das Gericht, dass die Öffentlichkeit trotz eines entsprechenden Antrags der Nebenklage bei der Vorstellung des Obduktionsberichts anwesend bleiben darf. Das Informationsinteresse der Öffentlichkeit überwiege den postmortalen Persönlichkeitsschutz des Kindes.
Anschließend stellte der Rechtsmediziner die Ergebnisse der Obduktion vor.
Demnach starb Fabian durch insgesamt sechs Messerstiche. Zwei der Verletzungen trafen direkt das Herz. Nach Angaben des Sachverständigen verblutete der Junge infolge dieser Verletzungen.
Besonders auffällig war eine weitere Feststellung: Es konnten keinerlei Abwehrverletzungen dokumentiert werden.
Journalist muss den Saal verlassen
Während der Rechtsmediziner zahlreiche Detailaufnahmen des verbrannten Leichnams präsentierte, kam es zu einem Zwischenfall im Zuschauerbereich.
Ein Journalist erlitt schwere Kreislaufprobleme und musste von Justizbeamten aus dem Gerichtssaal begleitet werden.
Die gezeigten Bilder und die Schilderungen des Gutachters wurden von mehreren Prozessbeobachtern als außerordentlich belastend beschrieben.
Gutachten zur Tatwaffe und zum Brandbeschleuniger
Der Rechtsmediziner erklärte weiter, dass es sich bei der mutmaßlichen Tatwaffe wahrscheinlich um ein einschneidiges Messer mit einer Klingenlänge von etwa zehn bis fünfzehn Zentimetern gehandelt habe.
Die Tiefe der Verletzungen lasse auf erhebliche Krafteinwirkung schließen.
Im Anschluss stellte ein Sachverständiger des Landeskriminalamtes seine Untersuchungen zum Brandbeschleuniger vor.
An Erdproben vom Fundort wurden Rückstände festgestellt, die mit flüssigem Grillanzünder vereinbar sind. Die Ermittler verwiesen dabei auf eine Flasche Grillanzünder, die bei einer Durchsuchung in einem Schuppen der Angeklagten in Reimershagen sichergestellt worden war. Nach Angaben der Ermittler fehlte darin rund ein halber Liter Flüssigkeit.
Abgehörte Telefonate sorgen für neue Brisanz
Besondere Aufmerksamkeit erhielten mehrere Telefonate, die nach dem Leichenfund im Rahmen polizeilicher Überwachungsmaßnahmen aufgezeichnet worden waren.
In den Gesprächen äußerte Gina H. wiederholt die Sorge, man könne ihr die Tat anhängen.
Besonders belastend wertete die Staatsanwaltschaft eine Passage, in der sich die Angeklagte Gedanken darüber machte, ob die Polizei eine Flasche Grillanzünder in ihrem Auto finden könnte.
Nach Auffassung der Anklage ist dies deshalb bemerkenswert, weil zu diesem Zeitpunkt öffentlich noch gar nicht bekannt gewesen sei, dass am Tatort Brandbeschleuniger eingesetzt worden sein könnten.
Die Verteidigung widersprach dieser Bewertung und argumentierte, Gina H. könne dies aufgrund ihrer Auffindesituation am Leichenfundort vermutet haben.
Fotos vom Tattag im Gericht ausgewertet
Zum Abschluss des Verhandlungstages sichtete das Gericht weitere Bildnachrichten und Handyfotos vom 10. Oktober 2025.
Darunter befanden sich ein von Gina H. verschicktes Selfie sowie Aufnahmen ihres Pick-ups.
Während die Staatsanwaltschaft die zahlreichen Indizien des Tages als weitere Verdichtung der Beweislage wertete, betonte die Verteidigung, dass weder an einer Tatwaffe noch an den Schuhen der Angeklagten eindeutige Individualspuren nachgewiesen werden konnten.
Mit den Verhandlungstagen sechs bis neun hat sich die Indizienkette gegen Gina H. aus Sicht der Anklage weiter verdichtet. Zugleich zeigt sich immer deutlicher, dass die Verteidigung versucht, jede einzelne Spur isoliert zu betrachten und alternative Erklärungen für deren Entstehung anzuführen.