Rätsel um tote Babys aus Sachsen und Tschechien – Zeugen gesucht
Redaktion Polizeiticker Deutschland
2011 wird ein neugeborener Junge in einem Altkleidercontainer in Schwarzenberg gefunden, 16 Monate später sein Bruder an einer Straße in Tschechien. DNA beweist die Verbindung. Die Eltern sind bis heute unbekannt. Nun wird der Fall erneut bei „Aktenzeichen XY“ vorgestellt.
Zwei tote Brüder, eine unbekannte Mutter
Zwei tote Neugeborene, zwei Fundorte in zwei Ländern und dieselben unbekannten Eltern: Seit mehr als 14 Jahren versucht die Polizei zu klären, wer die Mutter zweier Jungen ist, die 2011 im sächsischen Schwarzenberg und 2012 nahe Rotava in Tschechien gefunden wurden.
Ein DNA-Abgleich bewies, dass die Kinder Brüder waren. Trotz Tausender DNA-Vergleiche, einer Belohnung, umfangreicher Fahndungsaktionen und eines Phantombildes ist die Identität der Eltern bis heute ungeklärt. Morgen wird der Fall erneut bei „Aktenzeichen XY“ vorgestellt.
Neugeborener in Altkleidercontainer gefunden
Am 19. Januar 2011 machte ein Mitarbeiter eines Textilrecyclingunternehmens in Schwarzenberg-Sonnenleithe eine erschütternde Entdeckung. In einem Altkleidercontainer auf dem Parkplatz des damaligen Frischemarktes an der Sachsenfelder Straße befand sich die Leiche eines neugeborenen Jungen.
Der Säugling soll in Plastiktüten verpackt gewesen sein, darunter nach damaligen Berichten auch eine Tüte mit Weihnachtsmotiv. Da der Container zuvor Anfang Januar geleert worden war, grenzten die Ermittler den möglichen Ablagezeitraum auf den 4. bis 19. Januar 2011 ein.
Der Junge war vollständig entwickelt und lebensfähig. Nach den damals veröffentlichten Obduktionsergebnissen hatte er nach der Geburt noch kurz gelebt und war erstickt. Wie genau es dazu kam und ob neben der Mutter weitere Personen beteiligt waren, konnte nicht geklärt werden.
Da niemand wusste, wie das Kind hieß, erhielt es später den Namen „Max“, teilweise auch „Max Winter“ genannt.
Ein hellblaues DDR-Handtuch als mögliche Spur
Bei Max wurde ein Gegenstand gefunden, von dem sich die Ermittler Hinweise auf seine Herkunft erhofften: ein hellblaues Frottierhandtuch aus DDR-Produktion vom VEB Frottana.
Das Handtuch war etwa 45 mal 85 Zentimeter groß. Drei Seiten waren mit Umschlag und Naht verarbeitet, eine Längsseite besaß lediglich eine Webkante. Die Polizei beschrieb die Herstellungsqualität als auffällig schlecht und fragte gezielt danach, wer ein solches Handtuch im Haushalt hatte oder kannte.
16 Monate später wird ein zweites Baby gefunden
Zunächst ahnte niemand, dass der Fall eineinhalb Jahre später eine grenzüberschreitende Dimension bekommen würde.
Am 2. Juni 2012 wurde an der Straße S 210 zwischen Rotava und Kraslice im tschechischen Bezirk Sokolov erneut ein totes männliches Neugeborenes entdeckt. Der Junge lag in einem Straßengraben. Zwischen den beiden Funden lagen exakt 500 Tage.
Nach den tschechischen Ermittlungen dürfte das Kind zwei bis drei Tage zuvor gestorben sein. Die Obduktion ergab, dass auch dieser Junge vollständig ausgetragen und körperlich ausgereift war. Es konnte nicht ausgeschlossen werden, dass er nach der Geburt noch mehrere Stunden gelebt hatte.
Die konkrete Todesursache wurde öffentlich nicht abschließend bekannt. In damaligen Berichten wurde sowohl eine mögliche Tötung als auch eine fehlende Versorgung nach der Geburt als Ermittlungsansatz genannt.
Wegen der unmittelbaren Nähe zur deutschen Grenze bezogen die tschechischen Behörden früh auch Deutschland in die Suche ein.
Dunkler Wagen mit möglicherweise deutschem Kennzeichen
Ein Zeugenhinweis führte zu einer weiteren Spur: Am Straßenrand soll kurz vor dem Fund ein dunkler Pkw gestanden haben, der möglicherweise ein deutsches Kennzeichen trug.
Ob dieses Fahrzeug tatsächlich mit der Ablage des Kindes zusammenhing, ließ sich jedoch nicht beweisen. Auch blieb offen, wo der Junge geboren wurde und wer ihn nach Rotava brachte.
Das erste gemeinsame Fahndungsplakat zeigte später beide Fundorte – den Container in Schwarzenberg und die Straße bei Rotava – nebeneinander.
DNA bringt die entscheidende Verbindung
Der entscheidende Durchbruch betraf nicht die Identität der Eltern, sondern die Verbindung zwischen den beiden Fällen.
DNA-Untersuchungen ergaben, dass beide Jungen von derselben Mutter stammen. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit haben sie zudem denselben Vater.
Damit stand fest: Der Tote von Rotava war der biologische Bruder von Max. Die Polizei suchte fortan nach einer Frau, die innerhalb von weniger als zwei Jahren zwei Schwangerschaften offenbar erfolgreich vor ihrem Umfeld verborgen hatte.
Nach der damaligen Rekonstruktion dürfte die erste Schwangerschaft ungefähr im April 2010, die zweite etwa im September 2011 begonnen haben.
Wer bemerkte zwei verschwundene Schwangerschaften?
Die Ermittler gingen davon aus, dass Menschen im Umfeld der Mutter Veränderungen bemerkt haben könnten, ohne sie damals mit einer Schwangerschaft in Verbindung zu bringen.
In einem ausführlichen Fahndungsbrief nannte die Polizei unter anderem Übelkeit, Müdigkeit, Gewichtsschwankungen, geschwollene Finger oder Füße, Veränderungen des Kleidungsstils, krankheitsbedingte Fehltage oder plötzlich aufgegebene Freizeitaktivitäten als mögliche Auffälligkeiten.
Gesucht wurde nicht nach einem bestimmten sozialen Typ. Die Polizei betonte ausdrücklich, dass die Mutter jung oder älter sein, allein oder in einer Partnerschaft leben, bereits Kinder haben, arbeiten, zur Schule gehen oder arbeitslos sein könne.
Entscheidend erschien vielmehr ein möglicher Bezug zum Raum Schwarzenberg-Sonnenleithe und Umgebung – etwa durch einen Wohnort, frühere Wohnorte, Arbeit, Familie, Freunde, Partner oder Freizeitaktivitäten.
Polizei besitzt DNA von Mutter und Vater
Ein entscheidender Vorteil der Ermittler besteht bis heute darin, dass genetische Spuren vorhanden sind.
Die Polizei erklärte bereits in ihren damaligen Fahndungsunterlagen, dass sie über die DNA von Mutter und Vater verfüge. Dadurch könne bei einer überprüften Person eindeutig festgestellt werden, ob eine Verbindung zu den Kindern besteht oder nicht.
Die Ermittler versuchten damit auch, mögliche Zeuginnen zu beruhigen: Niemand müsse fürchten, allein aufgrund eines Hinweises dauerhaft unter Verdacht zu geraten. Unbeteiligte Personen könnten durch einen DNA-Abgleich zweifelsfrei ausgeschlossen werden.
Tausende Frauen geben DNA-Proben ab
In den folgenden Jahren wurden umfangreiche Reihenuntersuchungen durchgeführt.
2018 wurden unter anderem nochmals rund 320 Frauen aus dem Wohngebiet Sachsenfeld um freiwillige Speichelproben gebeten. Auch diese Aktion brachte keinen Treffer.
Bis Anfang 2019 sollen nach damaligen Berichten insgesamt 2.676 DNA-Proben von Frauen ausgewertet worden sein. Die Mutter der beiden Jungen war nicht darunter.
Zeuge erinnert sich an Frau am Container
Dann rückte eine Beobachtung vom Januar 2011 erneut in den Mittelpunkt.
Ein Zeuge berichtete von einer Frau, die er während des möglichen Ablagezeitraums zwischen dem 4. und 19. Januar auf dem Parkplatz des damaligen Frischemarktes gesehen haben will. Sie soll einen Beutel in den Altkleidercontainer geworfen haben, in dem später Max gefunden wurde.
Gemeinsam mit dem Zeugen fertigten Ermittler ein Phantombild an, das die Polizei im Dezember 2019 veröffentlichte.
So soll die unbekannte Frau ausgesehen haben
Die Frau soll damals etwa 40 bis 45 Jahre alt, ungefähr 1,60 bis 1,65 Meter groß und schlank gewesen sein.
Der Zeuge beschrieb ein schmales, ungeschminktes Gesicht mit schmalen Augen und leicht gebräunter Haut. Sichtbare Piercings oder Tätowierungen seien nicht aufgefallen.
Besonders markant waren die Haare: glatt, schulterlang und schwarz getönt oder gefärbt, vorne mit Pony. Auf der rechten Vorderseite sollen sich mehrere rote Strähnen befunden haben. Nach Einschätzung des Zeugen wirkte die Frau deutscher Herkunft.
Wichtig: Die abgebildete Frau ist nicht als Mutter der Kinder oder als Täterin identifiziert. Die Polizei wollte sie zunächst finden und zum Fall befragen. Ob überhaupt ein Zusammenhang besteht, könnte durch einen DNA-Test eindeutig geklärt werden.
5.000 Euro Belohnung
Für Hinweise, die zur Ermittlung der Kindsmutter führen, wurden 5.000 Euro Belohnung ausgesetzt. Die Polizei appellierte in ihren Fahndungsaktionen wiederholt auch an Menschen, die sich erst Jahre später zu einer Aussage entschließen können.
Auf einem der damaligen Plakate formulierten die Ermittler ihren Appell besonders eindringlich: Gesucht werde eine Frau, die zwei Schwangerschaften erfolgreich verborgen und zwei gesunde Kinder geboren habe. Zugleich machte die Polizei deutlich, dass sie mithilfe der vorhandenen DNA sowohl die Mutter als auch den Vater identifizieren könnte.
Fall bereits früher bei „Aktenzeichen XY“
Der Fall ist nicht zum ersten Mal Thema bei „Aktenzeichen XY“.
Bereits am 12. Oktober 2011 wurde der damals noch alleinstehende Fall des in Schwarzenberg gefundenen Jungen in der Sendung behandelt. Nachdem 2012 in Tschechien sein Bruder gefunden und die DNA-Verbindung festgestellt worden war, folgte im Mai 2013 ein Update.
Auch danach blieb die entscheidende Frage unbeantwortet: Wer sind die Eltern der beiden Jungen?
Erneuter Zeugenaufruf bei „Aktenzeichen XY“
Am Mittwoch, 7. Oktober 2026, wird der Fall erneut bei „Aktenzeichen XY“ vorgestellt. Im Mittelpunkt steht die bis heute ungeklärte Frage nach der Identität der Eltern und nach der Frau, die ein Zeuge damals am Altkleidercontainer gesehen haben will.
Mehr als 15 Jahre nach dem Fund von Max hofft die Polizei erneut auf Menschen, die sich an zwei möglicherweise verborgen gebliebene Schwangerschaften erinnern, die Frau vom Phantombild erkennen, etwas zu den beiden Fundorten wissen oder erst später von den Umständen erfahren haben.
Die Polizei fragt weiterhin insbesondere:
- Welche Frau war schwanger, wurde anschließend aber nie mit einem Baby gesehen?
- Wer erkennt die Frau auf dem Phantombild?
- Und wer machte an einem der beiden Fundorte Beobachtungen, die bislang nicht bekannt sind?
Hinweise nimmt die Mordkommission der Polizeidirektion Zwickau unter 0375 / 428-4480 sowie jede andere Polizeidienststelle entgegen. Für Hinweise, die zur Ermittlung der Kindsmutter führen, sind 5.000 Euro Belohnung ausgesetzt.