Hannes Schindler stürzte 2016 aus einem fahrenden Zug und starb später an seinen Verletzungen. (Bildquelle: Facebook, privat)
Fast zehn Jahre nach dem Tod des 25-jährigen FCM-Fans Hannes Schindler werden die Ermittlungen wieder aufgenommen. Neue Hinweise aus journalistischen Recherchen und einem Podcast werden geprüft. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln nun wegen des Verdachts eines vorsätzlichen Tötungsdelikts.
Nach tödlichem Sturz aus Zug: Polizei rollt Fall Hannes Schindler nach fast zehn Jahren neu auf
Fast zehn Jahre nach dem Tod des 25-jährigen Fußballfans Hannes Schindler haben Staatsanwaltschaft Magdeburg und Polizei die Ermittlungen wieder aufgenommen.
Der Anhänger des 1. FC Magdeburg war am 1. Oktober 2016 während einer Auseinandersetzung mit Fußballfans des Halleschen FC aus einem fahrenden Regionalzug gestürzt und elf Tage später an seinen schweren Verletzungen gestorben.
Neue Hinweise nach fast zehn Jahren
Staatsanwaltschaft Magdeburg und Polizeiinspektion Magdeburg bestätigten am 17. September 2026 offiziell die Wiederaufnahme der Ermittlungen.
Die im Podcast bekannt gewordenen Schilderungen werden derzeit mit den umfangreichen Ergebnissen des ursprünglichen Ermittlungsverfahrens abgeglichen und neu bewertet. Im Mittelpunkt stehen insbesondere neue Angaben zu beteiligten Personen und zum Ablauf der entscheidenden Minuten im Regionalzug.
Darüber hinaus prüfen die Ermittler konkrete Hinweise aus der damaligen halleschen Ultra-Szene. Zu einzelnen Personen und den neuen Erkenntnissen machen Polizei und Staatsanwaltschaft aus ermittlungstaktischen Gründen derzeit keine weiteren Angaben.
Podcast bringt Bewegung in den Fall
Eine zentrale Rolle spielen die Recherchen für den Podcast „Der Zug – Wie starb Hannes?“ der Süddeutschen Zeitung und Auf Ex Productions.
Im Zuge der Recherchen wurden Zeugen und Personen aus dem damaligen Umfeld befragt. Dabei kamen Informationen ans Licht, die den Ermittlern zuvor offenbar nicht in dieser Form bekannt waren.
Fans des 1. FC Magdeburg gedenken jedes Jahr Hannes Schindler mit einem Banner im Stadion. (Bildquelle: 1. FC Magdeburg)
Hannes steigt in Haldensleben in den Regionalzug
Am 1. Oktober 2016 steigt Hannes Schindler in Haldensleben gemeinsam mit weiteren Anhängern des 1. FC Magdeburg in einen Regionalzug Richtung Magdeburg.
Im Zug befindet sich bereits eine größere Gruppe von Fans des Halleschen FC, darunter nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft auch Personen aus der damaligen Ultraszene. Die Gruppe befindet sich auf der Rückreise von einem Auswärtsspiel.
Hannes Schindler war damals 25 Jahre alt und arbeitete als Schlosser.
Auseinandersetzung im fahrenden Zug
Während der Fahrt kommt es zwischen den Fangruppen zu einer Auseinandersetzung. In deren Verlauf gerät Hannes Schindler aus dem fahrenden Regionalzug und erleidet schwerste Verletzungen.
Ob er selbst aus dem Zug gelangte oder von einer anderen Person gedrängt, geschubst oder gestoßen wurde, konnte im damaligen Verfahren nicht abschließend geklärt werden. Genau diese Frage steht nun erneut im Mittelpunkt der Ermittlungen.
Die Wiederaufnahme wegen des Verdachts eines vorsätzlichen Tötungsdelikts bedeutet allerdings nicht, dass bereits feststeht, wie Hannes aus dem Zug geriet oder wer dafür verantwortlich sein könnte. Die neuen Aussagen und Hinweise werden nun mit den damaligen Zeugenaussagen, Spuren und Ermittlungsakten abgeglichen.
Fehlende Bilder der Überwachungskameras
Schon bei den damaligen Ermittlungen spielten die Überwachungskameras im Regionalzug eine wichtige Rolle.
Mehrere Personen konnten anhand vorhandener Videoaufnahmen identifiziert werden. Vom entscheidenden Geschehen lagen jedoch keine verwertbaren Bilder vor. Bereits damals stand die Frage im Raum, ob eine Kamera im betreffenden Bereich bewusst abgeklebt worden war.
Neue Hinweise führen zur Wiederaufnahme des Falls Hannes Schindler, Zeugen werden dringend gesucht. (Bildquelle: 1. FC Magdeburg)
Hannes stirbt elf Tage später
Hannes Schindler überlebt den Sturz zunächst und wird mit schwersten Verletzungen medizinisch behandelt.
Am 12. Oktober 2016, elf Tage nach der Zugfahrt, stirbt der 25-Jährige an den Folgen seiner Verletzungen.
Sein Tod sorgt weit über Magdeburg hinaus für große Anteilnahme. In der Fanszene des 1. FC Magdeburg wurde in den folgenden Jahren immer wieder mit Bannern und Aktionen an ihn erinnert.
Ermittlungen 2017 eingestellt
Polizei und Staatsanwaltschaft versuchten nach dem Vorfall über Monate, den Ablauf im Zug zu rekonstruieren und mögliche Verantwortliche zu identifizieren.
Ein strafrechtlich ausreichender Nachweis dafür, dass Hannes durch das vorsätzliche Handeln einer anderen Person aus dem Zug geraten war, gelang jedoch nicht. Das Verfahren wurde deshalb 2017 eingestellt.
Eltern kämpften jahrelang um weitere Ermittlungen
Für die Familie von Hannes blieben zahlreiche Fragen offen.
Seine Eltern Silke und Horst Schindler zweifelten über Jahre daran, dass sich der Tod ihres Sohnes als bloßer Unglücksfall erklären lasse, und forderten wiederholt weitere Ermittlungen.
Seine Mutter schilderte bereits damals, dass sie täglich mit der Frage lebe, was ihrem Sohn tatsächlich zugestoßen sei.
Die Eltern legten gegen die Einstellung des Verfahrens Beschwerde ein. Eine Wiederaufnahme blieb jedoch zunächst aus. Anfang 2019 lehnte die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg eine erneute Aufnahme des Verfahrens ab.
Fall blieb auch danach öffentlich präsent
Der Tod von Hannes Schindler geriet auch in den folgenden Jahren nicht vollständig aus der Öffentlichkeit.
Neue Gutachten und Fragen zu den technischen und forensischen Umständen des Sturzes sorgten immer wieder für Diskussionen. Der MDR beschäftigte sich bereits 2025 mit der Frage, ob der Fall noch einmal aufgerollt werden könnte.
Mit den neuen Recherchen und Aussagen aus dem Podcast kam nun tatsächlich erneut Bewegung in das Verfahren.
Ermittler prüfen Hinweise aus hallescher Ultra-Szene
Eine besondere Rolle spielen inzwischen konkrete Hinweise aus dem Umfeld der damaligen halleschen Ultra-Szene.
Dass sich im Regionalzug eine größere Gruppe von HFC-Fans befand, darunter Personen aus dieser Szene, gehört zur offiziell bestätigten Ausgangslage.
Die Ermittler prüfen nun neue Informationen über beteiligte Personen und das damalige Geschehen. Dass einzelne Mitglieder dieser Gruppe für den Tod verantwortlich sind, ist damit nicht festgestellt. Zu möglichen Beschuldigten oder Tatverdächtigen äußern sich Polizei und Staatsanwaltschaft derzeit nicht.
Polizei sucht erneut Zeugen
Mit der Wiederaufnahme richten sich die Ermittlungsbehörden erneut an alle Personen, die Angaben zum Geschehen am 1. Oktober 2016 oder zu damals beteiligten Personen machen können.
Der Aufruf richtet sich ausdrücklich auch an Menschen, die bereits im ursprünglichen Ermittlungsverfahren ausgesagt haben und inzwischen über weitere Erkenntnisse verfügen oder ihre damaligen Angaben ergänzen möchten.
Ebenso sollen sich Personen melden, die bislang noch keinen Kontakt mit Polizei oder Staatsanwaltschaft hatten.
Auch spätere Gespräche können wichtig sein
Für die Ermittler sind nicht nur unmittelbare Beobachtungen aus dem Regionalzug relevant.
Von Bedeutung können auch spätere Äußerungen und Gespräche über das damalige Geschehen, Kenntnisse über beteiligte Personen sowie Wahrnehmungen aus dem Umfeld der Fanszene sein.
Selbst eine Information, die erst Jahre später bekannt wurde oder damals als unwichtig erschien, könnte nach Einschätzung der Ermittler helfen, die entscheidenden Minuten im Zug zu rekonstruieren.
Ermittlungen wegen vorsätzlichen Tötungsdelikts
Die aktuelle Wiederaufnahme unterscheidet sich damit wesentlich vom Stand nach Einstellung des ursprünglichen Verfahrens.
Staatsanwaltschaft und Polizei führen die Ermittlungen nun wegen des Verdachts eines vorsätzlichen Tötungsdelikts. Welche konkrete Version des Geschehens die Ermittler derzeit für möglich halten und ob bereits einzelne Personen besonders im Fokus stehen, ist nicht bekannt.
Die neuen Erkenntnisse werden nun mit den umfangreichen Ergebnissen des alten Verfahrens abgeglichen.
Fast zehn Jahre nach dem Tod von Hannes Schindler hoffen die Ermittler erneut auf Hinweise, die klären können, was während der Zugfahrt tatsächlich geschah und ob eine andere Person für den tödlichen Sturz verantwortlich war.
Zeugenaufruf
Wer Angaben zum Geschehen am 1. Oktober 2016, zu damals beteiligten Personen oder zu späteren Gesprächen und Äußerungen machen kann, wird gebeten, sich bei der Polizei zu melden.
Hinweise nimmt die Polizeiinspektion Magdeburg unter der Telefonnummer 0391 / 546-1010 entgegen.